Beim 93. Treffen der IP-Adressregistry RIPE (Réseaux IP Européens) in Sofia hat eine Frage viele Sitzungen geprägt: Wie verwundbar ist die europäische Internetinfrastruktur gegenüber US-Sanktionen? Viele Mitglieder rieten laut heise online dazu, Abhängigkeiten zu klären und, wo möglich, abzubauen. RIPE verwaltet IP-Adressen für Europa, den Nahen Osten und Zentralasien. Kerninfrastruktur wie die Root-Zone des Domain Name System und viele große Registries unterstehen dagegen US-Recht.
Der Auslöser: eine gesperrte Domain
Anlass der Debatte ist der Fall des italienischen Providers Autistici/Inventati. Die NGO wurde am 26. August 2026 vom Office of Foreign Assets Control (OFAC) des US-Finanzministeriums als Specially Designated Global Terrorist eingestuft. Die Public Internet Registry, die die Endung .org verwaltet, sperrte daraufhin die Domain. Mit einem Schlag waren nach Angaben von Timo Hilbrink vom niederländischen Provider Freedom Internet 10.000 Blogs, 1500 Webseiten und 16.000 Mailboxen nicht mehr erreichbar. Nachdem auch die Hausbank des Providers die Konten gesperrt hatte, stellte Autistici/Inventati seine Dienste ein. Zuletzt beschlagnahmte die niederländische Polizei auf Bitten des FBI einen Server in Amsterdam.
„Autistici war keine politische Organisation, sondern ein Service Provider“, sagte Hilbrink. Das RIPE selbst könnte etwa als Verwalter von IP-Adressen für den Iran ins Fadenkreuz geraten. Auch die Registry für .net und .com, Verisign, unterliegt US-Recht.
Was praktisch helfen könnte
In Sofia wurden mehrere Ansätze diskutiert. Ein Umzug von ripe.net auf eine .nl-Domain wurde ebenso angesprochen wie die Frage, ob dann nicht die niederländische Registry SIDN unter Druck geraten könnte. Ein Teilnehmer schlug einen in Europa angesiedelten Klon von Let’s Encrypt vor, denn ohne die TLS-Zertifikate der US-Organisation geht inzwischen kaum noch etwas. Der europäische Alternativanbieter ZeroSSL wurde jüngst von einer texanischen Investmentgesellschaft gekauft. Der Routing-Experte Randy Bush mahnte, dass Eingriffe ins DNS auch das globale Routing beeinflussen.
RIPE-Mitgründer Daniel Karrenberg empfahl unter anderem, die Abhängigkeit von Hyperscalern bei E-Mail zu verringern. Das RIPE NCC hat seine 2019 gestartete „Cloud First“-Strategie bereits aufgegeben. „Ihr habt Recht gehabt“, sagte CEO Hans Petter Holen an die Adresse kritischer Mitglieder. Für 2027 veranschlagt die Organisation 14,59 Millionen Euro für neue Netztechnik und selbst betriebene Infrastruktur in zwei Rechenzentren, der größte Einzelposten im 44-Millionen-Euro-Haushalt.
Sanktionen auch aus Europa
Die Abhängigkeit ist nicht nur eine amerikanische. Auch die EU führt Sanktionslisten. Von 2339 überprüften RIPE-Mitgliedern und Endnutzern sind laut heise offiziell 53 zu sanktionieren, die Registrierung ihrer Adressressourcen wird eingefroren. Zudem halten sich niederländische Banken an US-Sanktionen, weshalb das RIPE NCC manche Beiträge nicht einziehen kann. Seit 2021 haben sich so über sieben Millionen Euro an zurückgestellten Beiträgen angesammelt.


