Anthropic erweitert sein unsichtbares Text-Wasserzeichen auf ältere Modelle. Laut einer E-Mail an API-Kunden, über die The Decoder berichtet, werden künftig auch Claude Mythos 5, Claude Opus 4.7, Claude Opus 4.6 und Claude Sonnet 4.6 markiert. Modelle, die nach dem 2. August 2026 erschienen sind, tragen das Wasserzeichen ohnehin von Anfang an.
Warum jetzt
Als Grund nennt Anthropic die Frist im EU AI Act, der ab Dezember die Kennzeichnung KI-generierter Inhalte verlangt. Das Wasserzeichen ist ein statistisches Muster in der Wortwahl und basiert auf einer Variante von Google DeepMinds Verfahren SynthID. Es ist auf Modellebene eingebaut, wirkt also auch über AWS, Google Cloud und Microsoft Foundry, und lässt sich nicht abschalten. Laut Anthropic enthält es keine Informationen über Nutzer oder Unterhaltungen.
Die Lücke
Bei Opus 4.6 und Sonnet 4.6 greift das Wasserzeichen nur, wenn die Parameter temperature, top_p und top_k auf ihren Standardwerten bleiben. Schon eine kleine Änderung genügt, um es zu umgehen. Anthropic rät Kunden, die das Wasserzeichen für die eigene Compliance brauchen, die Standardwerte beizubehalten. Ein Erkennungsdienst ist erst in einer geschlossenen Vorschau verfügbar. OpenAI hat laut The Decoder mit textGrain ein eigenes System eingeführt, das standardmäßig nur für ChatGPT- und Codex-Nutzer in der EU aktiv ist.
Was der AI Act verlangt
Artikel 50 des europäischen AI Act regelt Transparenzpflichten. Anbieter von KI-Systemen, die Texte, Bilder, Audio oder Video erzeugen, müssen dafür sorgen, dass die Ergebnisse in maschinenlesbarer Form als künstlich erzeugt erkennbar sind. Daneben gibt es Pflichten für Betreiber, etwa bei Deepfakes und bei Texten, die zur Information der Öffentlichkeit veröffentlicht werden. Wasserzeichen der Modellanbieter sind ein Baustein, decken aber nicht alle Pflichten ab.
Was Unternehmen jetzt tun sollten
Wer Texte mit Claude oder anderen Modellen erstellt und veröffentlicht, sollte zunächst klären, welche Rolle er im Sinne des AI Act einnimmt: Anbieter, Betreiber oder beides. Daraus ergibt sich, welche Kennzeichnungspflichten gelten. Eine interne Richtlinie sollte festlegen, wann KI-generierte Inhalte gekennzeichnet werden und wie dies dokumentiert wird.
Technisch ist zu beachten, dass Änderungen an Sampling-Parametern wie temperature das Wasserzeichen bei zwei älteren Modellen aushebeln. Teams, die solche Parameter in ihren Anwendungen anpassen, sollten das mit ihren Compliance-Verantwortlichen abstimmen. Das Verfahren SynthID, auf dem Anthropics Ansatz beruht, ist von Google DeepMind öffentlich beschrieben und für Text auch als Open-Source-Werkzeug verfügbar.
Quellen und Weiterlesen
Dieser Beitrag stützt sich auf die Berichterstattung von The Decoder: Anthropic’s watermark rollout leaves a loophole on two older Claude models und Anthropic: How Claude’s text watermark works und Claude Help Center: How Claude marks AI-generated content. Zahlen und Angaben stammen aus diesen Quellen, eigene Schätzungen hat die Redaktion nicht ergänzt. Wer tiefer einsteigen möchte, findet ergänzendes Material hier:
- AI Act, Artikel 50: Transparenzpflichten (Erläuterung und Text): Offizielle Dokumentation oder Regelwerk.
- Google DeepMind: SynthID: Hintergrundinformationen zur beteiligten Organisation oder zum Thema.


